Einmal vorweg: Ich bin ein cis Mann, außerdem hetero, und somit vielleicht nicht wirklich qualifiziert, etwas zu trans Personen zu schreiben.
Es gibt nur in meinem Umfeld die eine oder andere trans Person, denen ich gern ein guter "Ally" sein möchte, also ein Verbündeter im Kampf gegen Diskriminierung und Ausgrenzung.
Dieser Text richtet sich nicht primär an trans Personen, auch wenn ich mich über Feedback von dieser Seite freuen würde. Ebenso richte ich mich hier nicht an die Menschen, die vollkommen überzeugt sind, dass trans Menschen das ultimative Böse darstellen, denn dort sehe ich wenig Chancen auf eine erleuchtende Erkenntnis.
Vielmehr richte ich mich an die cis Menschen, die sagen (wie ich auch mehrfach schon gesagt habe): "Ich verstehe nicht wirklich, was in trans Menschen vorgeht."
Meiner Meinung nach ist das große Dilemma, dass wir cis Menschen niemals die Diskrepanz erleben zwischen der Geschlechtsidentität und der äußeren, körperlichen Erscheinung und damit gar nicht wissen, was ersteres eigentlich "sein soll" und inwiefern hier überhaupt ein Unterschied bestehen kann.
Gleichzeitig ist soweit ich das erkennen kann diese Diskrepanz für trans Menschen je nach Transitionsstadium und individueller Zuordnung omnipräsent.
Ich kann von mir erzählen, wie ich glaube ich zumindest ansatzweise über eine Analogie verstanden habe, wie sich trans sein anfühlt.
Die Geschichte
Ich führe jetzt ein bisschen weg von Thema trans und hin zum Thema der Hochbegabung. Ich habe auch mit Hochbegabten zu tun und bin selbst Mensamitglied.
Im diesem Rahmen hat eine Frau einmal eine Geschichte erzählt:
(ich habe hier leider keine Quelle und es kann sein, dass ich die Geschichte nicht detailgetreu wiedergebe, aber das spielt im Rahmen der Analogie keine Rolle.)
Die Frau fuhr mit ihrem dreijährigen Sohn in der Bahn. Der Junge ist hochbegabt und konnte daher schon lesen. Er saß also neben seiner Mutter und las ein Comicheft.
Eine ältere Dame saß den beiden gegenüber und fing an, sich mit dem Jungen zu unterhalten. Sie fragte nach seinem Namen und seinem Alter und der Junge antwortete wahrheitsgemäß, dass er drei Jahre alt sei.
Die Dame schüttelte den Kopf und antwortete, das könne doch gar nicht sein, denn schließlich könne er ja schon lesen. Das ganze ging dann wohl ein paarmal hin und her, die Dame ließ sich aber nicht überzeugen.
Dann passierte das Merkwürdige (und vielleicht Erschreckende): Wider besseren Wissens sagte der Junge schließlich, er sei sechs Jahre alt.
Die Analogie
Jetzt frage ich mich: Was wäre, wenn es in diesem Gespräch nicht um das Alter des Jungen gegangen wäre, sondern um das Geschlecht?
Und: Dieser Junge hat hier natürlich außerhalb der Bahnsituation den Support von Eltern und Verwandten, die alle wissen wie alt er wirklich ist. Bei trans Personen fehlt dieser leider oft.
Zusätzlich ist natürlich der Grad an Ausgrenzung, den ein hochbegabtes Kind erleben wird weit weniger schwer (oder gar existenzbedrohend) als der für einen trans Menschen.
Es bleibt die Analogie, dass dieser Junge sich letztlich dazu gezwungen sah, der Umgebung etwas vorzuspielen, weil die Dame ihn nicht als das sehen wollte (oder konnte) was er ist (nämlich ein Dreijähriger, der lesen kann).
Diese Geschichte war für mich nachvollziehbar und ich habe die Vermutung, dass trans Menschen sich in einer ähnlichen Zwickmühle sehen, wenn sie auf ihr Geschlecht angesprochen werden.
Habe ich dadurch jetzt verstanden, was Geschlechtsidentität ist und wo sie zu finden ist? Nein, wohl nicht.
Ich habe hier nur so etwas wie einen "Türspion", der mir ein Stück weit Einsicht gewährt.
Nichtsdestotrotz glaube ich, dass selbst ohne dieses letztliche Verstehen es möglich sein sollte, sich gegenseitig fair und ohne Diskriminierung zu behandeln.